Satya – Oder: Die ungeschminkte Wahrheit über Körperliebe
Was ich in diesem Artikel mit dir teilen möchte, ist für mich so bedeutungsvoll wie herausfordernd. Denn es birgt eine gewisse Verletzlichkeit, die ich über viele Jahre meines Lebens gemieden und noch weniger offen gezeigt hätte.
In bestimmter Hinsicht selbstkritisch zu sein oder hin und wieder mit dem eigenen Aussehen zu hadern, ist wahrscheinlich den meisten Menschen vertraut. Worüber ich heute schreiben möchte, geht jedoch über einen Zustand von Unzufriedenheit hinaus.
Seit meiner Pubertät lebe ich mit Akne. Sie ist nun seit – ich schätze – etwa zwanzig Jahren so etwas wie mein täglicher Begleiter. Mal tritt sie stärker auf, mal gibt es bessere Tage. Alle Tage haben jedoch etwas gemein: Mein Hautbild hat – wenn auch inzwischen in geringerem Maße – Einfluss auf meine Stimmung und mein Wohlbefinden.
Als Ursache dafür sehe ich bei mir besonders zwei Faktoren. Zum einen tritt sie überwiegend an sichtbaren Körperstellen auf – im Gesicht, oder früher auch auf dem Rücken oder Dekolleté. Sie lässt sich also nicht einfach kaschieren oder verstecken und fällt daher sehr schnell ins Auge. Wird vielleicht auch Teil des ersten Eindrucks, den ein Mensch von mir bekommt. Die Haut sieht uneben und gerötet aus, wirkt unrein.
Zum anderen ist es etwas, worüber mir die Kontrolle zu fehlen scheint. Keine Therapie, keine Ernährungsumstellung oder Pflegeroutine hat je eine nachhaltige Veränderung bewirkt. Und: Es ist zeitweise sehr schmerzhaft.
Rückzug aus Unsicherheit
Bereits in den ersten Jahren versuchte ich, diese sensible Sache so gut es mir möglich war zu verstecken. Ich wurde immer unsicherer. Ohne Schminke verließ ich jahrelang gar nicht das Haus. Nicht einmal dem Postboten öffnete ich ungeschminkt die Tür.
Und selbst hinter meiner Maske meinte ich, die Blicke spüren zu können.
Das Verstecken wurde zu einem Zwang und führte in der Folge zu noch mehr Rückzug. Es kostete mich unglaubliche Überwindung, ins Schwimmbad zu gehen, abends mit Freunden auszugehen oder bei meiner Arbeit in der Steuerkanzlei in Mandantengesprächen präsent zu sein.
Da war immer wieder dieselbe Angst: Dass man nur das Offensichtliche sehen würde. Nicht, wie ich wirklich war.
Zu dieser Zeit konnte ich selbst keine Grenze mehr wahrnehmen. Ich meine damit – ich war völlig identifiziert mit meinem Aussehen. Meinen Wert nahm ich in Abhängigkeit von dem wahr, was ich im Spiegel sah. Und das vielleicht Schlimmste daran war, dass ich mich selbst nicht mehr als liebenswert empfand – was zusätzlich mein Verhalten beeinflusste.
Der Kampf gegen dich selbst
Wann immer mir jemand zu nah kam oder ich mich in einer Situation befand, in der ich mein Aussehen nicht kontrollieren konnte, fühlte ich mich furchtbar verletzlich, unsicher … manchmal sogar abstoßend. Ich entwickelte einen regelrechten Selbsthass.
Das klingt hart, aber es ist die Wahrheit.
Warum es mir heute leichter fällt, davon zu erzählen, liegt wohl daran, dass ich vor einiger Zeit einfach keine Kraft mehr hatte, mich weiter selbst zu bekämpfen. Und ich ging einen für mich riesengroßen Schritt: Ich hörte auf, alles zu überschminken. Zeigte genau diese Verletzlichkeit und Unsicherheit, die ich immer hatte verbergen wollen.
Rückblickend ist mir bewusst, dass nichts passiert ist. Niemand hat mich bei der Arbeit komisch angesehen (vielleicht etwas neugierig 😉) oder mir die Freundschaft gekündigt. Ich formuliere es so ausdrücklich, weil es genau das war, was mein Nervensystem erst einmal lernen musste:
„Es geschieht nichts. Ich bin sicher.“
„Es gibt keinen größeren Frieden, als dir selbst genug zu sein“
Diese Entscheidung und die Erfahrungen, die ich in der darauffolgenden Zeit machen durfte, haben mich an einen sehr entscheidenden Punkt in meinem Leben gebracht. Ich habe gelernt, mir selbst genug zu sein – so wie ich bin, mit Pickeln oder ohne.
Was mir dabei bewusst wurde, ist: Es gibt für mich keinen größeren Frieden als das Gefühl, mir selbst genug zu sein. Denn dort beginnen wir, uns selbst zu genießen.
Inzwischen bin ich zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch genau so gemeint ist, wie er eben ist. Damit will ich sagen, dass ich denke, es gibt einen Grund, warum wir sind, wie wir sind – in jeder Hinsicht. Vielleicht, weil darin ein Geschenk liegt, das wir nur noch nicht sehen können. Vielleicht, weil wir eine bestimmte Gabe haben, die wir entwickeln dürfen, um anderen zu helfen.
Das anzunehmen, erschien mir als eine der größten Herausforderungen meines Lebens. Und auch heute gibt es diese Tage noch, an denen ich mit mir selbst hadere. Zweifle.
Doch sie werden weniger.
Denn eine Sache habe ich verinnerlicht: Selbst authentisch und damit wahrhaftig zu sein, ist die Grundvoraussetzung dafür, authentische und wahrhaftige Menschen und Beziehungen in mein Leben zu ziehen.
Vielleicht ist es genau diese Wahrhaftigkeit, die auch in der yogischen Philosophie mit Satya beschrieben wird. Satya wird dort häufig mit „Wahrheit“ oder „Wahrhaftigkeit“ übersetzt und ist eines der Prinzipien der Yamas – jener ethischen Grundsätze, die Patanjali in den Yoga Sutras als Orientierung für eine bewusste Lebensweise beschreibt.
Der Gedanke, dass Wahrhaftigkeit Teil einer Philosophie ist, die uns seit Jahrhunderten dazu einlädt, unser Leben bewusster zu betrachten und zu gestalten, berührt mich sehr.
Und wahrscheinlich möchte uns dieser Gedanke genau daran erinnern: Dass wir aufhören dürfen, uns zu verstecken.
Nicht nur vor anderen – sondern auch vor uns selbst.
Heilen – aber nicht, um ins Bild zu passen
Wenn du diesen Artikel bis hierher gelesen hast und deinen eigenen Körper ablehnst – aus welchem Grund auch immer –, möchte ich dir einen Gedanken mitgeben:
Wir dürfen weiter heilen.
Du darfst deine Haut pflegen, deinen Körper unterstützen, dir Hilfe suchen, wenn du unter etwas leidest. Du darfst dir wünschen, dass sich etwas verändert.
Aber vielleicht müssen wir uns nicht länger aus Ablehnung heraus verändern. Nicht, um endlich in ein Bild zu passen oder „richtig“ auszusehen.
Sondern um den Körper zu unterstützen, der uns seit unserer Geburt begleitet. Um ihn zu versorgen. Und um ihn zu ehren für all das, was er jeden einzelnen Tag für uns tut – vieles davon, ohne dass wir ihm auch nur einen Gedanken schenken.
Unser Körper trägt uns. Er lässt uns atmen, fühlen, berühren, lachen, tanzen, laufen, lieben.
Vielleicht beginnt unsere Heilung damit, nicht mehr ein anderer Mensch werden zu wollen. Sondern dazu bereit zu sein, dem Menschen, der wir schon sind, liebevoller zu begegnen.
Am Ende liegt unsere größte Schönheit gar nicht in makelloser Haut oder einem perfekten Körper. Wir sind in Wahrheit von innen schön – in unseren Visionen, unseren Fähigkeiten, unserer Art zu lieben. In unserem Humor, unserer Tiefe, unserer Verletzlichkeit, unserem Mut.
Das ist es, was von uns bleiben wird – wenn wir es nicht verstecken…
In Liebe
Lydia


