Erst ich, dann du: Warum Selbstliebe der einzige Ausweg aus der Abhängigkeit ist
Du drehst dich im Kreis. Ihr kommt immer wieder an denselben Punkt. Und dann, als wäre nichts gewesen, beginnt das Spiel von vorne. Diese Nähe entsteht, du fühlst eine tiefe Verbindung und für einen Moment bist du dir sicher, dass sich jetzt endlich etwas geändert hat – bis wieder der Rückzug folgt und du allein in der Leere sitzen bleibst.
Von Mal zu Mal geht es irgendwie tiefer. Manchmal kommt dir vielleicht sogar der Gedanke, dass es sich schon fast wie eine Sucht anfühlt, weil diese Sehnsucht so viel Raum einnimmt und du immer wieder zu diesem Menschen, zu dieser Verbindung und zu der Hoffnung zurückkehrst, diesmal könnte sich etwas geändert haben.
Du beginnst nach Beweisen zu suchen, für das, was du fühlst. Nach Zeichen, vielleicht einer Aussage, einer Handlung, die dir endlich bestätigt, dass du dir diese Verbindung nicht nur einbildest. Und es gibt sie ja. Es gibt diese Momente, in denen die Nähe zwischen euch ganz deutlich spürbar ist und du das Gefühl hast, endlich am Ziel angekommen zu sein. Und dennoch… danach bleibt jedes Mal wieder die Unsicherheit, weil du am Ende doch nie wirklich weißt, woran du bist.
Diese Mischung aus tiefer Verbindung und fehlender Sicherheit kann unglaublich viel Kraft kosten. Du denkst immer häufiger darüber nach, versuchst Begegnungen zu verstehen, erinnerst dich an einzelne Worte und suchst nach einer Erklärung für das, was zwischen euch passiert. Irgendwann beherrscht diese Verbindung deine Gedanken und deine Gefühle und nimmt wahrscheinlich so viel Raum in deinem Leben ein, dass davon kaum noch etwas für dich übrigbleibt.
Es gibt kein wirkliches Ankommen und keine Klarheit. Stattdessen zweifelst du – an ihm, an euch und irgendwann vor allem an dir selbst.
Du fragst dich, was du falsch gemacht hast, ob du zu viel warst, zu wenig gegeben oder zu viel erwartet hast. Du überlegst, was du anders machen könntest und wie du dich verhalten müsstest, damit sich zwischen euch endlich etwas verändert.
Und mit der Zeit werden aus diesen Fragen Selbstvorwürfe, wie: Meine Ansprüche sind zu hoch. Ich sollte mehr Abstand halten. Ich sollte weniger erwarten.
Während du versuchst, dich selbst immer weiter an die Situation anzupassen, vorsichtiger zu sein, dich zu kontrollieren, wird das, was dich einmal erfüllt hat, langsam unsichtbar. Dinge, die dir früher Freude gemacht haben, erreichen dich nicht mehr auf dieselbe Weise, weil so viel deiner Aufmerksamkeit bei diesem Menschen und bei der Frage liegt, was zwischen euch geschieht.
Vielleicht weinst du häufiger. Vielleicht ziehst du dich zurück oder funktionierst nach außen weiter, während in dir absolutes Chaos herrscht. Und irgendwann kommt der Wunsch auf, dass es einfach aufhört. Dass diese Sehnsucht aufhört. Dass dein Herz zur Ruhe kommt.
Möglicherweise bittest du darum, dass dieser Wunsch aus deinem Herzen genommen wird, damit dieser Schmerz endlich aufhört.
Und hier könntest du an dem Punkt sein, ab dem sich tatsächlich etwas wandelt.
Deine Gefühle dürfen Raum haben, ohne dass du dich darin verlierst
So schmerzhaft sich dieser Punkt anfühlen mag und auch wenn es sich im Moment noch völlig widersprüchlich anhört – er ist Teil eines Prozesses, der dich vor allem eine Sache lernen lassen soll:
Mit dir ist alles richtig.
Damit gehst du den ersten wichtigen Schritt auf dem Weg der Heilung. Denn es ist nichts falsch daran, dass du diese Verbindung fühlst. Es ist auch nichts falsch daran, jemanden zu vermissen, dass du dir Nähe wünschst oder dass dein Herz etwas festhält, was deinen Verstand inzwischen müde macht.
Alle Gefühle sind wichtig und sie lassen sich nicht einfach abschalten.
Aber wenn du darüber nachdenkst – wie lange hast du genau das schon versucht? Dir immer wieder gesagt, dass du nicht so viel fühlen solltest, dass du darüber hinweg sein müsstest oder dass es an der Zeit wäre, endlich loszulassen?
Du hast gelernt, einen Teil deiner Gefühle abzulehnen. Dich selbst abzulehnen, dafür, dass du so fühlst wie du fühlst. Für deine Sehnsucht, deine Bedürfnisse, deine Verletzlichkeit und den Teil in dir, der einfach geliebt werden möchte.
Entgegen deiner Wünsche glaubst du vielleicht auch, dass man eben nicht alles haben kann, dass du nicht so viel erwarten darfst und dich stärker zurücknehmen solltest, damit du für jemanden leichter zu lieben bist.
Aber angenommen, gewisse Situationen würden als Spiegel deiner eigenen Überzeugungen dienen – würde dann nicht genau in diesen tiefen Verbindungen sichtbar werden, was du über dich selbst glaubst?
Vielleicht zeigt sich darin einfach immer wieder die alte Überzeugung und was du nun lernen darfst, ist, dich nicht mehr für deine Gefühle zu verurteilen, sondern sie ernst zu nehmen. Ja – du darfst damit anfangen, die Tatsache anzuerkennen, dass du liebst – ohne daraus abzuleiten, dass du alles aushalten musst. Und du darfst dir erlauben, traurig zu sein, ohne es dir ständig vorzuwerfen.
Schritt für Schritt zurück zu dir
Der Weg aus emotionaler Abhängigkeit beginnt nicht mit irgendeiner Handlung, die du als „loslassen“ deklarierst, sondern damit, dass du dich bewusst für etwas Neues entscheidest: dich.
Und wenn du wieder an den Punkt kommst, an dem du feststellst: Ich kann nicht aufhören zu lieben – frag dich vielleicht einmal, ob das überhaupt deine Aufgabe ist. Was, wenn es gar nicht darum geht, dein Herz zu verschließen, damit der Schmerz aufhört – sondern darum, zu lernen, mit einem offenen Herzen bei dir zu bleiben?
Vielleicht möchte dieser Prozess dich nämlich genau dorthin führen: zu mehr innerer Stabilität, zu einem sicheren Gefühl in dir selbst und zu der Fähigkeit, eine Liebe, nach der du dich so sehr sehnst, eines Tages auch auf Augenhöhe halten zu können.
Du darfst aufhören, dir jeden Tag vorzuhalten, dass du nicht lieben solltest, und anfangen, dir zu erlauben, was da in dir geschieht – mit einem Zusatz:
Das, was ich mir wünsche, ist genauso wichtig.
Du darfst lernen, bei dir zu bleiben, dich selbst zu wählen und dafür zu sorgen, dass deine Grenzen respektiert werden. Mit der Zeit wird dadurch auch für den anderen klarer, wie du behandelt werden möchtest. Nicht weil du egoistisch bist und auch nicht, weil du dich gegen alles schützen musst, was dich berühren könnte. Sondern weil du Schritt für Schritt erkennen wirst, wie wertvoll das ist, was du in dir trägst. Und dass du es beschützen darfst – nur vielleicht auf eine neue Weise: mit Souveränität und Klarheit, statt mit Mauern.
Und irgendwann… wird es Momente geben, in denen du ganz bei dir bist, ohne darauf zu warten, dass man dir Sicherheit gibt
– weil Sicherheit dann in dir wohnt.
