Zwischen Wüste und Vertrautheit

Nach einer Woche schaue ich nun wieder auf die Schiffe im Atlantik hinab, die wie ein kleiner Fischschwarm vor der Küste Nordafrikas liegen.

Ich verlasse Marokko nach einer Rundreise, die mich vom lebhaften Marrakesch aus durch den Süden des Landes bis nach Agadir führte. Schneebedeckte Berge, Steinwüste, Oasen und alte Lehmdörfer. Kilometerweite Leere.

Doch schenkte mir diese Reise nicht nur Einblicke in das Leben der Berber und ein einzigartiges Land – sondern auch in mich selbst.

Im Leben lassen wir vieles zurück. Lassen Altes los.

Sortieren neu.

Und während wir uns verändern, verlieren wir manchmal Teile unserer bisherigen Identität. Nicht, dass etwas falsch mit ihnen gewesen wäre. Sie dienen uns nur einfach nicht länger.

So entsteht nach und nach Raum für etwas Neues. Für Begegnungen, für Erfahrungen…

Oder für eine Gruppenreise nach Marokko, obwohl man eigentlich lieber allein wäre. 😉

Genau diesen leeren Raum nutzte ich also für meine Reise. Ich wollte mich einfach treiben lassen – abseits des Alltags – neugierig, was mir begegnen würde.

Auf das Land hatte ich mich schon gefreut. Auf eine ganze Reisegruppe ehrlicherweise weniger.

Ich bin gern allein. Sehr gern sogar. Vielleicht, weil ich im Alleinsein oft mehr Frieden finde als irgendwo sonst.

Trotzdem hatte ich mir vorgenommen, allem mit Offenheit zu begegnen. Mich einzulassen. Und mich gleichzeitig darin zu üben, andere Lebensweisen und Ansichten mit einer inneren Ruhe zu beobachten.

Von Begegnung zu Verbindung

Beim ersten Abendessen im Hotel lernte ich eine Frau aus unserer Gruppe kennen. Sie war in ihren Sechzigern und wie ich allein unterwegs. Eine warmherzige Spanierin mit ehrlichen Worten, lebhafter Gestik und einer Art zu erzählen, die mich mehr als einmal zum Lachen brachte.

Am nächsten Morgen sagte sie beim Frühstück „Ich denke… wir alle tragen etwas von unseren Vorfahren in uns. Etwas von dem, was sie erlebt haben. Und wenn wir bestimmte Dinge nicht weitergeben wollen, dann müssen wir sie selbst aufarbeiten.

…Und das habe ich gemacht – für meine Kinder.“

Mir liefen die Tränen.

Dass eine Frau, die für mich bis eben noch eine Fremde gewesen war, so offen über ihr Leben sprach, berührte mich sehr.

Und ab diesem Moment, das konnte ich spüren, gab es da ein unsichtbares Band zwischen uns. Es bestand aus einer ehrlichen Tiefe – dem, was echte Verbundenheit ausmacht.

Einfachheit

Was mir am eindrücklichsten an Land und Leuten im Gedächtnis blieb, war folgendes:

Zu Beginn der Reise dachte ich immer wieder –
Was für ein ärmliches Leben.

Doch „arm“ ist gar nicht die passende Beschreibung. Die Menschen dort leben nicht in Armut. Sie leben einfach.

Mit wenig. Mit dem, was da ist. Und das mit einer Selbstverständlichkeit, die vielen von uns längst verloren gegangen ist.

Und während ich so im Bus saß und die Landschaft an mir vorbeizog, fragte ich mich manches Mal, ob nicht ein Berber in der Wüste, mit wenig Besitz, reicher sein könnte als jemand in unserer modernen Wohlstandsgesellschaft. Der so oft sein Glück kaum schätzen kann…

Geschichten, die etwas bewegen

An Tag drei erzählte unser Reiseleiter die, mir bislang unbekannte, Ursprungsgeschichte von 1001 Nacht.

Er nannte sie das „nullte Märchen“.

Die Geschichte handelt von Scheherazade. Einer gebildeten jungen Frau, die zu jener Zeit im Reich eines Sultans lebte.

Dieser Sultan war in seinem Land sehr beliebt gewesen. Bis er seine Frau eines Tages in den Armen eines anderen Mannes ertappte. Von diesem Tag an, so die Geschichte, ließ er sich jeden Abend eine Jungfrau bringen, die am Morgen hingerichtet wurde.

Im ganzen Land versuchte man, seine Töchter zu verstecken. Doch ohne Erfolg.

Eines Tages sollte auch die junge Scheherazade diesem Schicksal begegnen.

Doch Scheherazade begann am Abend, dem Sultan eine Geschichte zu erzählen.

Sie erzählte die ganze Nacht hindurch.
Und als der Morgen kam, wollte der Sultan das Ende der Geschichte hören – also verschonte er sie bis zum nächsten Abend.

Doch am folgenden Abend begann Scheherazade einfach die nächste Geschichte. Und so ging es weiter. Nacht für Nacht.
1001 Nächte lang.

Bis der Sultan sich in sie verliebte und sie heiratete.

So waren die Mädchen des Landes von nun an wieder in Sicherheit.

„Diese Geschichte zeigt, dass eine gebildete Frau, nicht nur ihren eigenen Kopf retten kann – sondern auch den vieler anderer Frauen.“ sagte er.

Seine Worte lösten etwas in mir aus.

Demut vielleicht.

Mitten in einem muslimisch geprägten Land, dessen Frauenbild weit von meinem eigenen Leben entfernt ist, wurde mir bewusst, welches Privileg es ist, dort geboren worden zu sein, wo ich geboren wurde.

Oder vielleicht einfach – welches Glück.

Und ich glaube, was wir tun können, wenn wir solches Glück erfahren, ist – es weitergeben.

Was uns wirklich begegnet

Jetzt, auf dem Heimweg, wird mir eine Sache sehr bewusst:

Was wir geben, kehrt auf irgendeine Weise zu uns zurück.

Oft nicht auf dem Weg, den wir erwartet hätten. Aber dennoch.

Dass gerade die Begegnungen, denen ich anfangs wenig Bedeutung beigemessen hatte, sich als das Wertvollste dieser Reise herausstellen würden, überrascht mich inzwischen kaum noch.

Vielleicht schenkt uns das Leben ja genau dann die schönsten Begegnungen, wenn wir bereit sind, dem Unbekannten doch eine Chance zu geben.

Was natürlich nicht bedeutet, dass uns nur Menschen begegnen, die unsere Werte teilen.

Aber wenn wir unsere Wahrheit leben, finden diejenigen ihren Weg zu uns, die unsere Reise wirklich bereichern.

Diejenigen, die uns etwas schenken.

Einen ehrlichen Moment.
Einen neuen Gedanken.
Inneren Frieden.

Oder manchmal einfach den Mut, den neuen Weg weiterzugehen.

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