Wenn wir aufhören wegzulaufen

Es gibt etwas, das jeder von uns auf seine eigene Weise sehr gut beherrscht: Weglaufen.

Bewusst oder unbewusst – wir tun es ständig. Weglaufen vor Situationen, die uns unangenehm sind. Vor Gefühlen, die wir im Moment nicht wahrhaben wollen. Vor dem Schmerz, den wir irgendwann einmal als zu viel abgespeichert haben.

Eine Eigenschaft, die besonders bei hochsensiblen Menschen zu diesen Verhaltensmustern beigetragen haben dürfte, ist ihre ausgeprägte Wahrnehmungsgabe. Sie hat uns früh lernen lassen, uns vor der Intensität der Reize um uns herum zu schützen.

Wenn wir bereits in unserer Kindheit Stimmungen, Erwartungen und Äußerungen von anderen Menschen so tief aufgenommen haben, wurde die Welt vermutlich einfach zu laut. Dann fühlte sich Rückzug oder Anpassung wie die einzige Lösung an. Vielleicht weil es niemanden gab, der uns zeigen konnte, wie es anders geht und wir in dieser Hinsicht für uns selbst sorgen mussten.

So haben wir gelernt, es sei besser, sich innerlich von dem abzuwenden, was eigentlich gesehen werden will. Etwas, was nicht mit dem Verstand greifbar, sondern nur fühlbar ist.

Es gibt ein Zitat, das dem Physiker Albert Einstein zugeschrieben wird und sehr gut wiedergibt, worauf ich hinauswill:

„Der intuitive Geist ist ein heiliges Geschenk und der rationale Verstand ein treuer Diener. Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die den Diener ehrt und das Geschenk vergessen hat.“

Wir haben gelernt, den Schmerz zu meiden. Doch was, wenn er Teil dieser Intuition wäre, von der Einstein hier spricht? Und wir genau dort etwas wiederfänden, das wir längst aufgegeben hatten?

Frieden.

Den Frieden, den sich so viele von uns für diese Welt wünschen – den, in sich selbst zu erfahren jedoch oft so unglaublich schwerfällt.

Also was wäre, wenn Weglaufen irgendwann nicht mehr das ist, was uns hilft? Wenn der Weg zu Ruhe und innerem Frieden nicht am Schmerz vorbeiführt – sondern durch ihn hindurch?

Der Moment, in dem wir stehen bleiben

In meinen Augen, ist es eine Illusion, zu glauben, dass wir Frieden in ständiger Leichtigkeit, Glücksgefühlen oder Sicherheit finden. All das mag zu einem erfüllten Leben dazugehören – doch worum es vielleicht wirklich geht, ist, den Kampf gegen sich selbst zu beenden.

Anstatt unsere „schlechten“ Gefühle zu verurteilen und wegzusehen, sollten wir uns darin üben, sie da sein zu lassen. Ich will damit nicht sagen, dass wir ununterbrochen in ihnen baden müssen, aber wir dürfen sie eine Weile betrachten und ihnen ganz bewusst erlauben, zu bleiben. Dem Engegefühl in der Brust, der Wut, der Unruhe, der Traurigkeit. Beobachten, wo sie sich im Körper zeigen. Hin spüren und uns sagen: Okay, so ist es eben jetzt.

Und wenn wir dabei ganz achtsam sind und uns nicht sofort wieder ablenken, kann etwas geschehen, was uns einen kleinen Schritt weiter in Richtung innerer Frieden bringt: Annahme.

Indem wir uns darin üben, uns mit allem anzunehmen, was wir sind, schaffen wir ein wenig Raum. Raum für das Geschenk, das wir schon die ganze Zeit in uns tragen. Raum, in dem unsere Seele wieder atmen kann, weil wir bereit sind, ihr zuzuhören.

Mit dieser Bereitschaft wird mit der Zeit auch die Stille in uns zurückkehren, nach der wir uns so lange gesehnt haben. Das Chaos im Kopf weicht dann Klarheit.

Dein Schmerz weist dir den Weg

Viele von uns haben gelernt, Schmerz zu vermeiden, ihn zu kontrollieren oder möglichst schnell loszuwerden. Doch was wäre, wenn dieser Schmerz gar nicht bestraft, sondern leitet – wie ein Kompass. Als Hinweis, darauf dass wir das Wesentliche aus dem Blick verloren haben: Unsere Wahrheit, unsere Grenzen. Das, was wir wirklich sind und was uns wahrhaftig entspricht.

Was auch immer das in diesem Moment sein mag – der Schmerz führt uns dorthin zurück. Er wirft uns zurück an den Punkt, an dem wir unsere Wahrheit verloren haben und unsere Tiefe. Als würde er uns auffordern, genauer hinzusehen und etwas wiederzufinden. Damit wir aufhören können, etwas zu sein, was wir nicht sind. Und er wird uns an einen Ort führen, an dem beides existieren darf – Licht und Schatten.

Es ist ein anderer Weg, als der, den wir bisher kannten. Vielleicht ebenso herausfordernd und mühsam wie der Kampf, den wir zuvor geführt haben. Aber gleichzeitig auch leise, langsam und zutiefst befreiend. Denn ab hier braucht es weder Druck noch Selbstoptimierung – nur Erlaubnis. Es reicht, wenn wir bereit sind, hinzuschauen und zu bleiben, wo wir uns bislang selbst verlassen haben.

Denn der Frieden, von dem ich spreche, entsteht nicht durch Perfektionismus und Selbstverbesserung – sondern in den Momenten, in denen wir uns selbst zugestehen, mit all unserem Licht und Schatten sein zu dürfen.

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